Ich habe 2 Wochen mit
6 anderen Freiwilligen und 2 Teamleitern in einem Asylbewerberheim vom Roten
Kreuz mit ca. 250 Flüchtlingen in Belgien verbracht. Es war eine fantastische
Zeit! Wir waren ein internationales Team, bei dem Frankreich, Italien, Spanien,
Mexiko, Vietnam und Deutschland vertreten war. Wir haben uns alle sehr gut
verstanden und hatten viel Spaß, bei allem, was wir unternommen haben.
Unsere Aufgaben
während des Workcamps haben sich mehr auf die Renovierung des Gebäudes
konzentriert. Wir haben den Bereich für die Minderjährigen neu gestrichen und
etwas Farbe reingebracht, wir haben einen Raum entrümpelt, geputzt und
gestrichen, in dem nun ein weiterer Waschraum eingerichtet wird, Kleiderspenden
sortiert und eine Schulung über Mülltrennung gegeben.
Zusätzlich hatten wir die Möglichkeit jeweils in die Arbeitsbereiche der Roten Kreuz Mitarbeiter reinzuschnuppern, beispielsweise in der Rezeption, bei der Ausgabe von Drogerieartikeln oder der Essensausgabe in der Kantine. Da wir uns aber alle mehr Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen wünschten, organisierten wir eigenständig in unserer Freizeit Workshops für die Flüchtlinge wie z.B. Fußball- oder Volleyballturniere, Musik-Workshop mit den Kindern, eine Wanderung oder ein Treffen nur für Frauen.
Neben den Renovierungsarbeiten war meine Zeit während der
zwei Wochen vor allem durch das Zusammenleben mit den Flüchtlingen geprägt.
Diese wertvollen Erfahrungen und was ich erlebt habe hat mir geholfen, diese
Menschen und ihre Lage besser zu verstehen. Es ist schwer, meine Eindrücke
wirklich in Worte zu fassen, aber vielleicht sagen einige Situationen sogar
weitaus mehr aus.
Ich habe die
Leute nie direkt danach gefragt, was in ihrer Heimat passiert ist oder wie sie
nach Belgien gekommen sind. Manche haben es mir aber einfach erzählt und das
ist jedes Mal schockierend und geht mir sehr nahe.
Ein 13-jähriger
Junge, der im Asylbewerberheim alleine ohne Angehörige ist, erzählte mir, dass
er zu Fuß aus Afghanistan kam. Was soll man darauf antworten?
Eine Frau,
die immer richtig freundlich ist und mir zulächelt, ist trotzdem immer ganz
ruhig und in sich gekehrt. Ihr Mann ist in Syrien ein sehr berühmter und guter
Arzt. Nach einer Morddrohung musste die Frau in einer Nacht-und-Nebel-Aktion
mit ihren fünf Kindern fliehen.
Ein
15-jähriger Junge aus Somalia wurde auf seiner Reise mit dem Boot und Bussen
von seinem Bruder getrennt und ist nun alleine in Belgien ohne zu wissen wo
sein Bruder ist und wie es ihm geht.
Als ein
Flüchtling aus dem Irak sehr bedrückt war und mit niemandem reden wollte,
stellte sich später raus, dass an diesem Tag wieder Bomben in seiner Region
fielen. Er hat schon seine Eltern verloren und sein Bruder ist noch im Irak. Er
konnte ihn aber nicht erreichen.
Diese Geschichten gehen mir sehr nahe. Mehr als die Berichte
aus den Nachrichten, denn ich kenne diese Leute, ich lebe in dem
Asylbewerberheim mit ihnen zusammen und sie sind Freunde für mich geworden.
Aber man bekommt nicht
nur die schweren und traurigen Momente mit, mit denen die Leute immernoch
kämpfen und versuchen zu vergessen. Ein besonders schöner Moment war, als ein
Flüchtling aus dem Irak einen positiven Bescheid bekommen hat und nun sein
neues Leben in Belgien aufbauen kann. Wir haben uns riesig mit ihm gefreut!
Doch nicht alle Flüchtlinge haben sich so mit ihm freuen können. Es gab auch
einige traurige Gesichter und für manche war es interessanter, den Brief in den
Händen zu halten als zu gratulieren und Freude zu zeigen. Zunächst fand ich das
sehr schade, doch ich kann es auch verstehen. Manche haben schon viel länger
auf diesen Bescheid gewartet, und jeder sehnt sich danach, diesen Bescheid auch
für sich und seine Familie in den Händen zu halten. Sie waren einfach neidisch.
Abends waren wir dann zu einem somalischen Abendessen
eingeladen, um auch einen positiven Bescheid eines somalischen Freundes zu
feiern.
Auf dem Gelände des Asylbewerberheims beim Fußball und auf
den Balkonen waren fast nur Männer und Kinder zu sehen. Die wenigen Frauen
kennen sich kaum untereinander. Also machten wir es uns zur Aufgabe, ein
Treffen nur für Frauen zu organisieren und somit die Frauen vielleicht ein
wenig zusammenzubringen. Es stellte sich heraus, dass das eine große
Herausforderung war. Wir klopften an jede Tür und es war schwierig, die
schüchternen Frauen zu dem Treffen zu motivieren. Manche konnten ein bisschen
Französisch oder Englisch sprechen, andere konnten nur Arabisch oder ihre afrikanische
Sprache. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten hatten wir aber Erfolg
mit einem Spiel, bei dem jeder auf einen Zettel etwas schreibt oder malt, das
einem am anderen gefällt. Alle haben sich über ihre Zettel und die Botschaften
sehr gefreut und am Ende haben sich sogar alle zum Abschied umarmt.
Noch am selben Abend haben wir einen Brief von einem
somalischen Mädchen bekommen haben, die auch beim Frauentreffen teilgenommen
hatte. Sie hat den Brief für uns mit Hilfe eines Jungen auf Englisch verfasst.
Darin stand, dass seit sie ihr Land verlassen hat sie noch nie jemand so
respektvoll und offenherzig behandelt hat. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn
ich davon erzähle. Wir waren so glücklich und haben gemerkt, dass wir
vielleicht doch ein kleines bisschen was bewirken können. Von diesem Tag an hat
mich dieses Mädchen ihre Schwester genannt.
Die erste Woche war vergangen und ich hatte schon so viele
tolle Eindrücke sammeln dürfen. Als wir nach einem 2-Tages-Ausflug nach dem
Wochenende wieder zurückgekommen sind, wurden wir mit freudigen Gesichtern
empfangen und alle haben gefragt, wo wir denn waren. Es war ein Gefühl wie wenn
man nach Hause kommt.
Ein ganz besonderer
Abend war auch das „Dinner of the World“. Um ein gutes Klima zwischen dem
belgischen Dorf und den Flüchtlingen zu schaffen, organisierte das Rote Kreuz
diesen Tag der offenen Tür. Flüchtlinge aus 5 verschiedene Nationen haben Essen
vorbereitet und alle waren super aufgeregt. Das ganze Dorf war zu einem
gemeinsamen Abendessen mit den Flüchtlingen eingeladen. Alle haben sich schick
gemacht und auch wir haben an diesem Abend viel Spaß gehabt und traditionelles
Essen von verschiedenen Kontinenten probiert und gelernt, wie man richtig mit
den Fingern isst.
So fiel uns der Abschied nach den 2 Wochen sehr schwer.
Jetzt bin ich wieder zurück in Deutschland und habe das Gefühl, ich habe so
viel erlebt, so viel dazugelernt, Freundschaften geschlossen und doch bin ich
traurig und wütend. Wütend, weil ich sehe, wie einfach es für mich ist, in
einem anderen europäischen Land zu reisen, zu arbeiten, was für Rechte ich habe
und alles nur, weil ich einen deutschen Pass habe. Das ist unfair. In meinen
normalen Alltag in Deutschland zurückzukehren ist seltsam. Mit manchen
Flüchtlingen aus Belgien habe ich noch Kontakt und ich mache mir Gedanken, wie
ich auch in Zukunft helfen kann. Ein Flüchtling aus Syrien hat mir am Tag der
Abreise gesagt, die Flüchtlinge herzlich zu empfangen und ihnen das Gefühl zu
geben, dass sie willkommen sind, ist das Beste, was wir tun können. Ich werde
versuchen, auch hier in meiner Stadt bei der Flüchtlingshilfe mitzuarbeiten.



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